Die Schulgemeinschaft gratuliert unserer Schülerin Sarah Bröckl aus der 4el herzlich zu einem beeindruckenden Erfolg im Bereich Literatur. Im heurigen Schuljahr nahm Sarah an der Jugend Literatur-Werkstatt Graz teil und reichte im Rahmen eines europaweiten Literaturwettbewerbs ihre Kurzgeschichte zum Thema „Bis morgen“ ein.
Unter rund 150 Einsendungen aus ganz Europa konnte sich Sarah hervorragend behaupten und schaffte es in die engere Auswahl. Mit dem ausgezeichneten 27. Platz gehört sie zu den besten Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Wettbewerbs – eine bemerkenswerte Leistung, die ihr schriftstellerisches Talent und ihre Kreativität unterstreicht.
Wir sind stolz auf Sarahs Engagement und ihren Erfolg und gratulieren ihr ganz herzlich zu dieser besonderen Auszeichnung!
Im Anschluss an diesen Beitrag können Sie die Kurzgeschichte von Sarah lesen.
Der letzte Streit
Die SMS kam um 23:47 Uhr
„Bis morgen“
Es war spät und dunkel, der Regen prasselte sanft gegen die Fensterscheiben. David presste seine Stirn gegen das kalte Glas, während er auf sein Handy starrte und die letzte Nachricht seiner geliebten Freundin Sophie las. Nur die zwei Worte, doch der junge Mann untersuchte sie hunderte Male, als würde er mehr als zwei Worte finden, vielleicht ein verstecktes „Ich liebe dich“ oder ein Versprechen, ein Funken Hoffnung. Doch da war nichts außer diesem kalten, gefühlslosen Ausdruck. Schuldgefühle schwirrten in seinem Kopf. Er wollte sich entschuldigen und ihr sagen, wie leid es ihm tat, all die Dinge, die er zu ihr gesagt hatte. Er wusste, er sollte ihr zumindest eine Nachricht senden, doch sein Stolz hielt ihn davon ab.
Stundenlang lag er wach und redete sich ein, dass zwischen ihnen morgen alles in Ordnung sein würde. Doch der intensive Streit am Nachmittag hatte seine Narben hinterlassen, Narben, die nicht so einfach wieder heilen würden, wie David es gerne gehabt hätte. Er starrte an die Decke und versuchte sich an Sophies makelloses Gesicht zu erinnern, wie ihre Augen immer mit Wärme erfüllt funkelten, als sie ihm ein sanftes Lächeln schenkte und die Art, wie sie die düsteren Momente erhellte, einfach, indem sie für ihn da war. Doch der Streit vom Nachmittag hing wie Rauch in seinen Lungen, seine Gedanken waren voller dunkler Schatten.
„Du hörst mir nie zu, David!“, hatte Sophie wuterfüllt und mit tränenden Augen geschrien. „Weil du immer sofort wegläufst!“, hatte der Bursche erwidert. Dann war die Tür mit einem harten Knall gefallen, endgültig. Er hatte nicht einmal versucht, der Frau nachzugehen. „Ach egal, morgen wird sie eh wieder herkommen und wir werden uns wieder vertragen“, dachte David sich jedenfalls in diesem Moment.
Nach einer Zeit begann er, auf und ab durch Wohnung zu spazieren, um dem schrecklichen, stillen Schweigen zu entkommen. Immer wieder überlegte er sich, Sophie anzurufen, doch seine Angst überwältigte ihn. Morgen würde er sich entschuldigen, morgen wird alles wieder vorbei sein, morgen wird er ihr sagen, wie sehr er Angst hat, sie zu verlieren und deswegen zu stur gewesen war. David war sich sicher, morgen würde er…….
Doch das „Morgen“ kam nicht.
Um 02:38 Uhr klingelte sein Handy und riss den jungen Mann aus seinen Gedanken. Eine fremde Stimme sprach zu ihm, eine Polizistin. „Wir hatten alles versucht“, meinte sie, „es tut uns leid.“ Nachdem David erzählt worden war, dass es einen schweren Unfall auf der Landstraße gegeben habe und seine Freundin nicht erfolgreich reanimiert werden hatte können, ging er zu Boden. Erschüttert mit dem Handy in der Hand, saß David nun zitternd auf dem Holzboden, seine Augen waren so rot und leer, während seine Tränen kein Ende fanden. Er konnte kaum atmen, so als würde ihm jemand das Herz aus der Brust reißen wollen. Das „Morgen“ war weg! Alles, was er ihr erzählen hatte wollen, war nun zu spät, um es ihr zu sagen. Jeder Atemzug tat weh, als würden sie ihn von innen zerschneiden. Er konnte spüren, wie der gemütliche Weg, den er einst durch die Welt ging, sich in einen scharfen Stacheldraht aus Stahl verwandelte, auf dem er nun balancieren musste, um weiterzukommen.
Der Morgen brach an, die Nacht wurde grau, anschließend hell. Er sammelte all seine Kraft und ging barfuß hinaus. Der Regen störte David nicht, das Wasser floss ihm kalt über sein blasses, verheultes Gesicht. Er stand regungslos da. Er stellte sich vor, Sophie stände bei ihm. Er atmete tief ein und flüsterte sanft: „Bis morgen.“ Zum ersten Mal in seinen Leben verstand er, wie grausam die Bedeutung von zwei einfachen Worten sein konnte.
Der Tag danach.
Als David seine Augen öffnete, konnte er sich kaum erinnern, zu Bett gegangen zu sein. Erschöpft setzte er sich auf, die Ereignisse des vorherigen Tages lagen noch immer schwer auf seinem Herzen. Das Zimmer war noch immer grau, als hätte sich die Sonne nicht wirklich getraut aufzugehen, um den Tag zu erhellen. Von Trauer und Schatten umgeben, zwang er sich aufzustehen, denn Sophie hätte niemals gewollt, dass David wegen ihres Todes nur im Bett vor sich dahinvegetiert. Nein, sie hätte gewollt, dass er aufsteht und weiter macht, dass er seinen Weg auch ohne sie weiter geht, egal wie hart er sei.
Der betrübte Mann schaffte es bis in die Küche, doch dann sah er ihre Jacke. Er brach in Tränen aus, überall lag ihr Duft in der Luft, Erinnerungen, die er mit ihr teilte. Doch dann. Das Telefon läutete. David holte tief Luft, bevor er abhob. Es war das Krankenhaus, sie meinten, er könnte nun kommen, um sich von seiner Freundin zu verabschieden. „Okay ich komme, ich werde ungefähr in einer Stunde da sein“, gab der Mann von sich und legte seufzend auf.
War er wirklich dazu bereit? David war sich nicht sicher, aber er wusste, dass er sich früher oder später verabschieden musste. Es war das Letzte, was er für seine Geliebte noch tun konnte. Die Fahrt zum Krankenhaus war leise und lang, wie ein düsterer Albtraum, der nie enden wollte. David fuhr langsam, als hätte er Angst, vor dem, was ihm erwarten würde. Jede Ampel, zu der er kam, schaltete sich auf Rot, jeden kleinen Stau nutzte er als Atempause.
Endlich, nach einer Ewigkeit, erreichte der Mann die Klinik. In der Rezeption empfing ihn eine junge Krankenschwester, die ihn zur Pathologiestation führte und anschließend den Leichnam seiner verstorbenen Sophie zeigte. Ihr regungsloser Körper lag da, auf einem sauberen Metalltisch, von nichts mehr als einer dünnen, weißen Decke umhüllt. Sein leerer Blick fiel auf ihr Gesicht. Man hätte meinen können, sie sähe so aus, als würde sie nur friedlich schlafen. Doch ihre Haut verblasste bereitsund fühlte sich kalt an. Ihre Lippen waren dunkler geworden und ihr Brustkorb lag still, nachdem keine ihrer zarten Atemzüge ihre Lungen durchströmten. „Sie dürfen sie berühren, wenn Sie möchten“, meinte die Krankenpflegerin mit sanfter Stimme, während sie in das Gesicht des trauernden Mannes sah. Anschließend verließ sie den Raum.
Zögernd streckte David seine Hand aus, um Sophie ein letztes Mal sachte zu berühren. Jedoch zuckte er zusammen, als hätte er sich verbrannt, im gleichen Moment, in dem er den leblosen Körper anfasste. Ein Schauer lief ihm kalt die Wirbelsäule hinunter, während er mit dem Rücken gegen die Wand schlug. Die Schuldgefühle, die er versuchte zu unterdrücken, kamen alle wieder hoch. Der Schmerz in seinem Herzen übernahm die Kontrolle, als er zusammenbrach und er um Vergebung flehte. „Bitte, ich wollte das nie! Bitte, es tut mir so leid… Ich wollte niemals, dass du von mir gehst!“, heulte er mit brennenden Tränen in den Augen. David konnte kaum atmen, jedes Schluchzen ließ ihn ersticken. Er nahm ihre Hand, während seine zitterte und flüsterte: „Oh Gott, es tut mir so leid…“
Er blieb einige Minuten sitzen, bis die Krankenschwester wieder kam und dem Mann ein Formular in die Hand drückte. „Wir brauchen Ihre Unterschrift.“ Er nickte still, nahm den Stift in die Hand und unterzeichnete die Papiere, als würde er sich von dieser Welt selbst abmelden. Zurück am Parkplatz, setzte er sich in sein Auto, doch statt den Motor zu starten, starrte er in tiefster Trauer verloren auf das Lenkrad und ertrank in endlosen Gedanken.
Nach einiger Zeit fuhr David los. Im nächsten Stau entdeckte der müde Mann eine Bar in Nähe des Stadtrandes. „Warum eigentlich nicht?“, dachte er sich und bog rechts ab. Von dunklen Gedanken getrieben, schlenderte er gelassen zum Barkeeper und ließ sich ein Glas nach dem anderen mit Spirituosen füllen. Der Schmerz in seiner Brust ließ nach, und sein Geist befreite sich von all den schlechten Erinnerungen, während sich die Gläser stapelten. Doch je leerer die Flaschen wurden, desto deutlicher spürte er die Leere in sich selbst.
David merkte, dass der Alkohol nur eine Illusion eines kleinen Trostes war. Der Rausch schwächte sich ab und mit schwerem Blick wanderten seine emotionslosen Augen zum Ausgang. Er schmiss das leere Glas auf den Boden und erhob sich von dem Barhocker. Der nun betrunkene Mann stürmte aus dem Gebäude und hörte nicht, wie der Barkeeper ihm nachrief. Er hatte nicht gezahlt, aber dies kümmerte ihn nicht. Er hüpfte ins Auto und raste, wie von der Wut besessen, davon.
Rücksichtslos bretterte er durch die Stadt zur Landstraße, ignorierte jede rote Ampel und jeden Gegenverkehr. Durch den Rückspiegel seines Fahrzeuges sah er im Augenwinkel die blauen Lichter der Polizei. David wusste, er wurde verfolgt, doch es war ihm egal. Er wollte sich frei fühlen und wieder zu seiner geliebten Sophie, also drückte er stärker ins Gaspedal. Plötzlich bekam der Mann einen Anruf von seinem besten Freund Jonas, der auch bei der Polizei arbeitete. Er hob ab und schaltete das Handy auf Lautsprecher. „David, was auch immer du gerade tust, hör auf damit! Ich weiß, es geht dir schlecht, aber du gefährdest dein Leben und das anderer! Hast du komplett die Kontrolle verloren?!“, rief Jonas besorgt. Doch David antwortete nur bitter,
während er entlang des Flusses im Wald fuhr: „Du verstehst es nicht, du weißt nicht, was ich gerade durchmache. Es tut mir leid, aber ohne Sophie kann ich nicht weiter machen.“ Der Mann blickte erst in den Rückspiegel, dann auf die Uhrzeit auf dem Navi.
Es war 23:47 Uhr.
Noch bevor Jonas etwas sagen konnte, unterbrach David eiskalt seine Stimme, wie ein Messer, bevor er seine nächsten Worte sagen konnte. „Bis morgen.“ Mit diesen Worten legte der Mann auf und verriss absichtlich das Lenkrad. Sein Auto verlor die Kontrolle, raste in Höchstgeschwindigkeit gegen einen Baum und nur das schreckliche Krachen von Metall, wie der Schmerz seines gebrochenen Herzens, war zu hören. Im nächsten Augenblick zerrte die Gewalt des Aufpralls David in die Schwärze des Flusses, die ihn mühelos verschlang.
Jonas, sein Freund, starrte lange auf sein Handy mit brennenden Augen, er brauchte eine Weile, um zu begreifen, was David, sein Bruder im Herzen, getan hatte. Auf dem Display erschien die Nachricht, die letzte, die er je wieder von seinem Vertrauten bekommen würde: „Bis morgen“. Seine Finger umklammerten das Telefon stärker, seine Knöchel standen hell hervor, seine Hände zitterten. Ihm wurde kalt, sein Atem stockte, er spürte sein Herz stechen. Es fühlte sich an wie tausend Messerklingen, die ihm jemand hineinrammte.
Der erschütterte Mann presste sein Mobiltelefon gegen seinen Brustkorb, als könnte er vielleicht eine Verbindung zurück zu Davids Seele bekommen, doch er erhielt nichts als die gnadenlose Stille. Die Tränen verließen nun seine schmerzenden Augen, ein Schluchzen entkam seinen zitternden Lippen. Der Knoten im Hals wurde mit jeder Sekunde schlimmer, während er die Schreie unterdrückte. Eins war klar, dieser Vorfall hatte einen Riss in seiner Seele hinterlassen, einen Riss, der sich nicht wieder schließen ließ, einen Riss, der zukünftige Folgen haben würde.
Sarah Bröckl (4el)
